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aufgeschnappt

Mann kann nicht schluss machen - von Sibylle Berg

Es ist nicht einfach, den Beginn der Liebe klar zu bestimmen. Sie tritt für die Beteiligten einer Beziehung oft zu unterschiedlichen Zeitpunkten ein.

Entgegen allen Gerüchten, können sich Männer schnell entscheiden. Sind sie verliebt, wollen sie eine Beziehung. Sind sie es nicht, folgt all das Theater, das Frauen mit Er leidet noch unter seiner Ex bezeichnen. Entscheidet sich ein Mann gegen eine neue Beziehung, liegt die Vermutung nahe, dass er nur Sex wollte und es infolge begrüsste, würde sich die Frau in Luft auflösen. Ist er jedoch verliebt, will er ganz. Sofort. Heiraten, zusammenziehen, das volle Programm.

Frauen tun sich schwerer. Sie sind Meister der Projektionen und werden mithin selbst dann, wenn ein reizender Mann vor ihrer Haustür liegt, einen Abwesenden bevorzugen, der nur in ihren Träumen zu Hause ist. Doch sagen wir, bei beiden existierte überraschenderweise ein gegenseitiges Interesse, wann genau begann die Liebe? An dem Abend, als man sich das erste Mal bei den Händen hielt? Oder war es dieser Moment, wo man den anderen ansah und einem schwindelig wurde ob des wunderbaren Lebens, das sein Blick versprach? Vielleicht war es der Valentinstag, von dem keiner sagen kann, was der eigentlich bedeutet, man hat sich das Datum im dümmsten Fall eintätowiert oder irgendwo eingetragen, ein SMS, einen Brief, eine Unterhose aufbewahrt, um den Beginn nie zu vergessen, und wird in den folgenden Jahren eine Kerze anzünden, sich Blumen schenken und traurig oder verwundert nach dem Gefühl zum Datum suchen. Wie Besinnungslosigkeit und Rausch sich anfühlen, das kann man sich nicht mehr vorstellen, nach ein paar Jahren. Oder auch schon Monaten.

Die grossen Gefühle waschen aus, werden unklar wie der Mensch, der verschwimmt. Sind wir keine Dummköpfe, fühlen wir uns wohl in einer unkonturierten Zweisamkeit, angenehm, wie ein alter Pyjama, vertraut und gut riechend.

Das ist Liebe! Und sollte sie einst enden, so ist der Moment viel eindeutiger als der Beginn der Geschichte.

Eine Bemerkung des Partners lässt uns Scham empfinden, das Geräusch, das er macht, wenn er eine Frucht verzehrt, lässt uns angeekelt innehalten. Wir sehen den anderen nicht mehr als Teil von uns, sondern als Angehörigen einer Rasse, die es zu nicht viel Brillantem gebracht hat. Egal, ob man eine Affäre hat, sich andere in unsere Träume schieben, das hat nichts mit der wirklichen Tragödie zu tun: verschwindet der liebevolle Blick, ist die Schlacht verloren.

Mindestens einer von zwei Partnern ahnt nun, dass die Geschichte beendet ist, doch er weiss noch nicht, wie er es dem anderen mitteilen wird. Keine schöne Zeit, die bei manchen Menschen zehn Jahre und mehrere Kinder anhält.

Der Mann geht

Sicher mag es Herren geben, die eine gute Frau ohne Grund nach zwanzig Jahren sitzen lassen, doch das sind Maschinenmänner, die mit Anzügen und einem Max-Headroom-Gesicht geboren wurden.

Dem normalen Mann verleidet eine Beziehung selten und wenn, dann hat es erstens Gründe, auf die wir noch eingehen, und zweitens ist ihm nicht klar, was passiert. Irgendein Unwohlsein, kann aber auch von der Erkältung kommen, er wird fühlen, dass etwas nicht stimmt, sein Gehirn ist aber nicht dafür eingerichtet, dieses Gefühl mit Worten in Verbindung zubringen. Bis ein Mann auf die Idee kommt, seine Beziehung sei beendet, muss Grosses geschehen. Zum einen gebricht es ihm an Fantasie, sich auszumalen, wie sein Leben anders verlaufen könnte, als er es kennt, zum anderen ist er es sich gewohnt, Zeit mit einer Frau zu verbringen, die er nur ab und an liebt. Er hatte eine Mutter.

Ist dem Mann unwohl, liegt es oft daran, dass die Frau ihm zu viele Vorhaltungen macht. Ein bisschen braucht er das Gescholtenwerden, er hat stets ein schlechtes Gewissen, weil er an andere Frauen denkt, oder an gar nichts, oder an Fussball, und ihm ist wohl, wenn er ab und an gesagt bekommt, wo-ran er schuld ist. Aber nicht zu oft. Zu viel Vorwürfe, zu viel Leiden, zu viel Ratlosigkeit, damit kann er nicht umgehen, dann wird er unglücklich, sein Appetit lässt nach, seine Augen werden trübe, und er beginnt nach einer Lösung zu suchen: einer anderen Frau. Ein Mann in einer Beziehung, in der ihm wohl ist, wird zwar nach anderen Frauen sehen, wird sich vielleicht mit der einen oder anderen paaren, doch er wird seine Frau nicht verlassen, denn wozu sollte das gut sein?

Der unglückliche Mann

Er hat etwas gefunden, das ihn sich besser fühlen macht. Eine Frau, die ihm das Gefühl gibt, stark zu sein und jung. Das gefällt ihm. Vielleicht wird nichts aus der neuen Beziehung, aber die Idee ist stärker als das schlechte Gefühl in der alten Geschichte.

Der Mann wird von Angst erfüllt sein, denn er ist nicht dumm und weiss, was es heisst, eine Beziehung zu beenden: Ge-spräche. Noch mehr Vorwürfe. Tränen. Er fürchtet um sein Leben. Denn was ein normaler Mann hasst, ist das Reden über Gefühle. Keine Ahnung, wie man das macht. So macht er besser nichts. Er wird ein SMS schicken. Oder einen Zettel liegen lassen. Ich bin weg, es ist aus, ich bin bei Tina. Er ist nicht böse, er denkt nur nicht über Zustände nach, die nicht ihn betreffen, und was er am meisten will, ist seine Ruhe. Der normale Mann stottert, schweigt, verschwindet. Er denkt sich nichts dabei, und das ist in Ordnung, zum Denken sind die Frauen da.

Unangenehmer fast, wenn der Mann redet. Er ist ein Lügner, er verstellt sich. Seine Mutter hat ihn allein erzogen, sie hat ihn gelehrt, im Sitzen zu urinieren, sein Zimmer aufzuräumen, sie hat ihn zur Erfüllung von Frauen-Erwartungen abgerichtet, und die liefert er. Worthülsen; er spricht von seiner emotionalen Unzulänglichkeit, von inneren Besetztzeichen, von Freiheit und sich fühlen wie tot sein. Dabei fühlt er nichts. Der reden-de Mann ist immer ein Schauspieler. Ein Werber, er rasiert sich die Brust, er geht zur Kosmetikerin, er ist ein Lappen.

Man wird die Gründe für das Ende seiner Liebe auch hinter Bergen von Platitüden nicht finden. Die er beherrscht, denn er hat Eric-Emmanuel Schmitt gelesen, und er hält das für Philosophie. Diese Sorte Mann geht auch, ohne eine neue Frau gefunden zu haben. Ihnen wird schaurig unwohl sein, in ihren fast homosexuell gestalteten Wohnungen.

Die Frau geht

Die Liebe der einfältigen Frau endet mit der Ausschüttung ihrer Hormone, einfachen Gemütes wird sie von Leidenschaft faseln, von Rausch, von Orgasmus, von Sich-Auflösen, was nicht mehr meint, als dass die Frau eine leere Grube da angelegt hat, wo ihr Inneres sein sollte. Es ist die Sorte, die von Romantik redet, Rosen meint und Kerzen, die mit anderen Frauen nicht so gut kann und musizierende Männer sexy findet. Sie wird immer einen neuen Rausch brauchen, wenn nicht Männer, dann Prozac, und wenn sie älter wird, bekommt sie De-pressionen und lernt Fremdsprachen. Spanisch. Was Feuriges.

Die einfältige Frau geht also, weil sie nicht mehr erregt ist. Und sie wird lange kitschige Abschiedsbriefe schreiben, über ihre Gefühle reden und sich darüber beklagen, dass er nie zugehört hat. Dass er unsensibel ist. Dass er sie nicht wahrnimmt. Sie wird das Gespräch suchen, und sie wird all den Dreck erzählen, den sie in Frauenratgebern gelesen hat. Es wird ihr nichts ausmachen, dass sie einen Menschen verletzt, denn was für sie zählt, ist: auf ihre Wahrnehmung zu achten, ihre sensitive Seite. Sie wird den Mann mit einer Flut von Sätzen überhäufen und nicht sehen, was sie tut, falls er sie liebt: Sie wird ihn traumatisieren. Ein Mann, der aus einer für ihn be-haglichen Beziehung geworfen wird, ist vergleichbar mit einem Kind, das seine Eltern verliert. Es wird lange dauern, bis er sich davon erholt hat. Er wird sich betrinken, mit Huren herumhängen, er wird schlecht schlafen und Gewicht ver-lieren. Das ist der einfältigen Frau egal. Sie ist schon wieder unterwegs auf der Suche nach Erfüllung, lassen wir sie ziehen.

Ist eine Frau bei Sinnen, weiss sie, dass ein Mann zwar zuhört, aber nichts zu erwidern hat, weil sein Kommunikationszentrum anders funktioniert als das ihre. Ist die Frau intelligent, hat sie ein Vergnügen an dem Mann, der neben ihr geht, der nicht gut zu reden weiss, aber sie sehr gern hat, und sie beschützen will, im Haus Dinge reparieren kann, und trinken will er, mit seinen Kollegen, weil die so angenehm ruhig sind wie er. Die kluge Frau wird einen Mann nur verlassen, wenn sie auf einen Schauspieler, siehe oben, hereingefallen ist, oder wenn die normale Tendenz des Mannes, sich zu zerstören, überhandgenommen hat, wenn er zu viel isst, trinkt, hascht, fremdgeht und ihr Wohlbefinden erheblich einschränkt. Sie wird wissen, dass es ausser Ich will mit dir nicht mehr leben nichts zu sagen gibt und wird vielleicht ein Es gibt einen anderen anfügen, weil das die einzige Botschaft ist, die Männer verstehen. Die kluge Frau wird einen klaren Schnitt machen, packen und gehen. Sie wird vielleicht nur einen Zettel hinterlassen, denn sie weiss: Es gibt keinen Weg, gut Schluss zu machen. Egal, in welcher Art wir uns von wem verabschieden: Es wird am Ende völlig egal sein.

Ist eine Verbindung zwischen zwei Sexualpartnern mehr als eine Affäre, überfrachten wir sie fast immer mit Erwartungen. Die simple evolutionäre Bedeutung einer Beziehung für die Brutaufzucht will für uns elegante, enthaarte Geschöpfe nicht mehr gelten, wir träumen von Symbiose, Partner, Freund, Mutter, Vater, das alles soll uns der andere sein, und ist es doch selten. Im guten Fall ist es einer, den wir ertragen, und im schlechten Fall muss man eben Schluss machen und wieder einsam durch die Gassen schleichen. Dazu hat man, mit Verlauf des Lebens, immer weniger Lust, auch hilft fortschreitendes Alter nicht bei einer Partnersuche, die doch meist biologischen Parametern folgt. Wer Schluss macht, erhofft sich eine Verbesserung für sein Leben, und die traurige Nachricht ist: Die findet sehr oft nicht statt. Das Leben wird selten besser, es wird nur weniger.
29.6.10 21:23


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